#1 Mathematik: Am Rande zur geistigen Behinderung - wer ? von Franz Josef Neffe 26.06.2012 10:43

»Am Rande zur geistigen Behinderung«

Mein erstes Praktikum in der Zusatzausbildung zum Sonderschul- lehrer absolvierte ich in der 5. Klasse einer Lernbehinderten-Schule. Am dritten Tag bat mich der Lehrer noch vor dem Unterricht, mit Willi im Gruppenraum Rechnen zu üben.
»Er ist am Rande zur Behinderung, länger als 20 Minuten hält er sowieso nicht durch« suchte er mich zu motivieren.
Willi hatte schon seine Schulsachen ganz penibel fürs Lernen bereitgelegt. Als er hörte, dass nun alles ganz anders kommen soll, bekam der käseblasse Junge binnen kurzem einen tief dunkelroten Kopf.
»Scheiss G´lump, verreckt´s! Nix kannst machn, was´d magst!« Mit voller Wucht stampfte er seine Schulsachen in die Tasche zurück, packte sie, eilte wie ein Roboter in den Gruppenraum und knallte sie und sich an den nächsten Tisch. Ich konnte nur noch folgen und nahm gegenüber Platz.
»Willi, gib´s zu, Du kannst eigentlich viel besser rechnen als es den Anschein hat! Ich hab Dich genau beobachtet. Ich hab gesehen, dass Du einen Fehler selbst entdeckt und verbessert hast. Gib´s zu, Du bist eigentlich viel besser! Die unterschätzen Dich alle. Du bist in Wirklichkeit ein guter Rechner. Du bist ertappt. Gib´s zu, in Wirk- lichkeit bist Du ein Genie! Du wirst nochmal Mathematikprofessor. Dann möchte ich aber ein Autogramm von Dir…..«
Langsam kam Willi wieder zu sich. Irgendwann grinste er und dann besiegelten wir mit Handschlag, dass ich ihm nun – auf mein Risiko – zeige, dass er ein Rechengenie ist und das ich ein Autogramm bekomme, sobald er berühmt geworden ist. Das meine ich ganz wörtlich und es ist mir sehr ernst damit.

Im Rechenbuch standen Reihen mit jeweils zwei zu addierenden Tausenderzahlen für Willi. Nach der ersten Reihe mit zehn Aufgaben sagte ich: »Stopp! Wie lange brauchst Du gewöhnlich für zehn Aufgaben?«
»A halbe Stund«, meinte Willi.
»Zehn Minuten, Willi«, antwortete ich ihm. »Und wie viel sind richtig?« fragte ich.
»Zwoa?« fragte mich Willi unsicher.
»Zwei sind falsch, Willi, acht sind richtig!«
Jetzt rechnet dieser Kerl dreimal so schnell und viermal so richtig wie sonst! »Das ist ja ein dicker Hund!...« ließ ich eine Standpauke über ihn los.

Die Folge war, dass Willi rechnete und rechnete und rechnete. Die Stunde war um und es läutete. Fünf Minuten später steckte der Lehrer den Kopf zur Türe herein:
»Willi, Du darfst jetzt aufhören.« Willi schaute nur kurz auf und sagte in sehr bestimmtem Ton:
»I rechnet jetzt fertig!«

Kann man deutlicher als mit Beispielen wie an Willi zeigen, wie sehr wir mit unserer Pädagogik da-nebenliegen?

(Auszug aus dem Artikel:
"Mit der Dyskalkulie hat sich die Pädagogik verkalkuliert"
in der Schweiz. Zeitschrift für Heilpädagogik 6/2012)

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